Lauf-Veranstaltungen

Tokio-Marathon, ein Bericht, mein Bericht

Es ist wirklich schwer objektiv so einen Lauf zu beschreiben. Egal was man schreibt, es ist immer durch die Brille eigener Gefühle, die man an dem Tag hatte.

So ist es auch bei mir. Die Sache wird aber noch viel komplizierter, wenn man erkennt, dass so ein Lauf nicht nur ein Gefühl hervorruft sondern eine ganze Palette davon.

Der Tokio-Marathon gehört zu den 6 größten und beliebtesten Marathons der Welt, zu den sogenannten Abbott World Marathon Majors. Diese Läufe sind Massenveranstaltungen, die fast bis zur Perfektion organisiert sind und ein einmaliges Erlebnis bieten.

Es ist kein Wunder, dass es unheimlich schwer ist, an eine Startnummer zu kommen. Meistens entscheidet  das Losverfahren oder man nutzt bestimmte Reiseagenturen. Die dritte Möglichkeit ist, als ein Charity-Läufer an den Start zu gehen.  Ich hatte Glück und bekam einen Startplatz als Charity-Läufer.

Wir kamen einen Tag vor dem Lauf in Tokio an. Direkt nachdem wir gelandet waren mussten wir richtig Gas geben, um die Expo noch rechtzeitig zu erreichen und meine Startnummer zu holen.

Die erste Überraschung erlebten wir bereits auf der Expo. Es war so viel los dort, das es wirklich unglaublich war. Marktschreier, ausgestattet mit Megaphon UND Mikrofon, waren überall und versuchten, die Läufer zu den Ständen zu locken, egal wo man sah konnte man irgendein Spiel spielen und überall gab es kostenlose Produkte zum Testen. Ein ganzer Bereich war mit Tischen und Bänken und verschiedenen Foodtrucks bestückt und wir konnten bereits dort unsere erste japanische Gerichte testen (übrigens der einzige Teil der Expo, in dem das Essen und Trinken überhaupt gestattet war!). Bei vielen  Gerichten wussten wir nicht einmal was wir bestellt hatten, es hat aber alles sehr gut geschmeckt.

Die erste Begegnung mit der Stadt und der Läufer-Gemeinde war sehr positiv. Dieser Trend setzte sich am Tag des Laufes vor.

Direkt nach dem Frühstück (ja ich habe geschafft im Hotel zu frühstücken!!) ging es mit der Tokio-Metro Richtung Startbereich.

Leider habe ich hier eine kleine negative Erfahrung machen müssen: die Bahn-Tickets, die man vom Veranstalter bekommen hat und die 24h gültig sein sollten, galten nicht für alle Gesellschaften, die die Züge in der Stadt betreiben. Ich konnte die Karte also leider nicht nutzen. Ich hatte zum Glück bereits am Flughafen bei der Ankunft eine Prepaid-Karte, die fast für alle Gesellschaften gültig war, gekauft und ich konnte mit der problemlos weiterfahren.

Sobald ich an einer der größeren U-Bahnhöfe angekommen war, wurde ich durch eine sehr gute Beschilderung und sehr viele Marathon-Helfer Richtung dem für mich gültigen Eingangsbereich geführt. Die 5 bis 6 Eingangstore entzerrten die ankommende Menge und die ganzen Sicherheitskontrollen ging sehr flott.

Genauso gut beschildert waren auch die Stellen, an denen man seine Kleiderbeutel abgeben sollte. Und ich tat es.

Bereits hier fing aber das Tokio-Wetter an mit den Läufern zu spielen und der Regen fing an. Durchgehend 6°C sowie Dauerregen, mal stärker mal schwächer, haben uns dann den ganzen Tag begleitet.

Das fand ich nicht unbedingt schlimm. Ich habe sogar diesmal mehrere Male im Regen trainiert.

Die einzige Nebenwirkung, die beim mir dabei entsteht, ist der Drang zur Toilette zu gehen. Also stellte ich mich in die (gefühlt) kilometerlange Schlangen und wartete darauf, dran zu kommen. Je kürzer die Schlangen wurden umso klarer sah ich die Toiletten. Es waren, wie bei uns, die Dixi-Klos, nur diese hatten keine Türen.

Ich muss zugeben, das hat mich schon ein wenig überrascht, da die japanischen Toiletten unglaublich modern sind (mit Innen-Dusche, beheizter Klobrille etc.). Als ich zum zweiten mal die Dixi-Klos besuchte (und jetzt habe ich die mit der Tür aufgesucht), erlebte ich die zweite Überraschung. Sie hatten eine Toiletten-Schüssel und kein „Loch“ wie bei uns. Und sie waren unheimlich sauber und rochen frisch – und das bei einer Veranstaltung mit über 30.000 Menschen!

Noch eine Sache fand ich hervorragend. Im gesamten Startbereich befanden sich viele Stände, an denen man Sportgetränke, Gels, Obst und Wasser bekam. Das fehlt oft bei vielen Läufen.

Nachdem ich getrunken und alle Toiletten-Gänge erledigt hatte, ging ich Richtung meiner Startzone. Es war die Startzone mit den Läufern, die einen 5-Stunden-Lauf anstrebten.

Dann hieß es warten. Bei 6°C und Regen. In einem bereits durchnässten Sweatshirt. Das war nicht schön.

Nach 45 Minuten Wartezeit habe ich mich gefragt, ob ich es überlebe oder in einem der vielen Krankhäuser in Tokio mit einer dicken Lungenentzündung lande.

Dann ging es langsam los in Richtung Startlinie.

Ich sammelte meinen ganze Mut, zog mein Sweat-Shirt aus und gab es einer Frau am Rande.

Ja, an der Seite gab es Helfer, die Kleiderstücke sammelten. Das war meine nächste große Überraschung. Während der ganzen Strecke gab es gefühlt eine Million Helfer, die nur Mülltüten hielten. Wenn man das sah, war es einem richtig unangenehm wenn man auch nur einen Schnipsel von der Gel-Packung auf den Boden fallen ließ.

So sah auch die ganze Strecke aus – SAUBER!

Das war ein ganz tolles Gefühl, ich musste nicht darauf aufpassen, ob ich am Anfang des Laufes in so einem dicken Pullover lande und meine Nase mit dem Tokio-Asphalt Bekanntschaft macht. Die Ausrutschgefahr an den Verpflegungsstellen war minimal. Das verdient ein ganz tolles Lob an die Organisatoren aber auch an die Läufer, die sich daran penibel hielten – TOLL!

Bereits die ersten Meter nach der Startlinie habe mich meine wetterbedingten Qualen vergessen lassen.

Ab dort war der Lauf ein purer Genuß!

Unglaubliche Szenen spielten sich vor den Augen der Läufer ab: Hochhäuser, glitzernde Werbung für Anime-Helden, Tempel, traditionelle Tänze, Bands und vieles mehr.

Ich musste einfach sehr oft anhalten und Fotos oder Videoaufnahmen machen. Das war sehr schön, kostete mich aber wertvolle Zeit. Die Zeit war mir aber nicht so wichtig, ich wollte es nur genießen.

Tokio mit seiner ganzen Exotik war da genau richtig.

Dieser Lauf war aber für mich auch aus einem ganz anderen Grund sehr wichtig. Ich habe es zum ersten mal geschafft einen Maratgon-Lauf ohne Probleme durchzulaufen. Es fiel mir nicht schwer. Ich habe meine Verpflegungspausen genau geplant und mich sehr gut daran halten können. Zu den Verpflegungsstellen ist zu sagen, dass es sehr viele mit vielfältigen Produkten und alles reichlich gab.

Meine Strategie ist voll aufgegangen und es wurde mein erster Marathon ohne Qualen!

Ich spreche besonders von den letzten 10 km. Sie sind für mich immer die schlimmsten gewesen. Nicht diesmal. Ich habe über den ganzen Lauf eine Durchschnitts-Geschwindigkeit von 6:30 halten können.  Meine offizielle Endzeit waren 4:51:27 und meine Garmin-Zeit, also nach Abzug der größeren Pausen 4:40:54.

Bevor ich aber über mein Erlebnis auf der Ziellinie berichte, will ich noch eine Sache richtig stellen. Es war nicht ganz quallos. Eine Qual hat mich fast bis zu km 30 geplagt.

Ihr wisst schon, die Nebenwirkung des Regens, die Toilette. Genau ich musste die Toiletten aufsuchen. Ich tat es aber nicht.

Alle paar km standen dort wieder Helfer mit den Schildern wie im Bild. Ich deutete das Schild so, wenn du zur Toilette  willst musst du hier abbiegen und in 1,1 km findest du sie.

Ich dachte nur: „Das geht gar nicht, ich laufe so 2,2 km mehr!“

Bei km 30 konnte ich nicht mehr aushalten:“Egal, auch 100 km mehr, ich muss einfach!“

Ich folgte so einem Schild und siehe da, die Toilette war nicht mal 10 m entfernt. 1,1 km bezog sich auf die nächste Toilette auf der Stecke!

So gesehen hatte der Tokio-Marathon einige Überraschungen für mich parat.

Aber ich hatte auch eine für ihn.

500 m vor der Ziellinie holte ich meine Hamburger Flagge heraus und stellte sie richtig zu Schau. Das brachte mich ins japanische Fernsehen und in alle Live-Streams. Als ich die Ziellinie überquerte, wollten die Läufer aus vielen anderen Ländern mit deren Flaggen mit mir ein Foto machen.

Ich bin mir sicher, dass jetzt einige Leute mehr von Hamburg gehört haben.

 


Hier ist ein Video-Bericht über meine Teilnahme am Tokio-Maratho: